Von Chat Noir bis Fledermaus

Detail aus der Rekonstruktion der Bar des Kabaretts Fledermaus (Alle Fotos: B. Denscher)

„Das Theater und Kabarett ‚Die Fledermaus‘ will sich in keiner Weise mit irgendwelcher bestehenden scheinbar ähnlichen Unternehmung vergleichen. Es will, auf eigenen künstlerischen Anschauungen fußend, den fast verloren gegangenen, ursprünglichen Gedanken des Kabaretts wieder aufnehmen, erneuern, ausbauen und weiterführen, unbekümmert darum, daß er seit seinem Auftauchen vielfach gemißbraucht, und wie wir wohl wissen, gezwungen wurde, unkünstlerischen Zwecken zu dienen.“ Mit diesen Worten begannen die Verantwortlichen des Wiener Kabaretts Fledermaus ihr Mission Statement, das Anfang Oktober 1907, kurz vor der Eröffnung des Etablissements, verschickt wurde.

Rekonstruktion der Bar des Wiener Kabaretts Fledermaus

Das Theater war ein Projekt der „Wiener Werkstätte“, bei dem man die programmatische Idee der Ästhetisierung aller Lebensbereiche ambitioniert umsetzen konnte. Für die Inneneinrichtung zeichnete Josef Hoffmann verantwortlich, die bunte Verfliesung des Bar-Raumes ging auf Entwürfe von Berthold Löffler und Michael Powolny zurück, zu den „dekorativen Mitarbeitern“ zählten unter anderem Carl Otto Czeschka, Franz Delavilla, Gustav Klimt, Oskar Kokoschka und Emil Orlik. Zu den literarischen Beiträgern gehörten Peter Altenberg und Hermann Bahr. Von der Eintrittskarte über das Briefpapier und die Programmhefte bis zur Einrichtung des Theaters war alles – inklusive Aschenbecher – künstlerisch durchgestaltet. Und auf der Bühne und im Zuschauerraum fand sich die kreative Avantgarde der Stadt ein. Das Projekt aus Wien ist deshalb auch in der Ausstellung „Into the Night: Cabarets and Clubs in Modern Art“ in der Londoner Barbican Art Gallery prominent vertreten.

Blick in die Dokumentation zum Kabarett Fledermaus

Was den besonderen Reiz dieser, von der verantwortlichen Kuratorin Florence Ostende umfassend recherchierten, Präsentation ausmacht, sind die begehbaren Nachbauten einer ganzen Reihe von international renommierten Kabaretts und Nachtlokalen. Wie durch eine Zeitmaschine fühlt man sich ins Wien zu Anfang des 20. Jahrhunderts versetzt, wenn man die Rekonstruktion des bunt gestalteten Bar-Raums des Kabaretts Fledermaus betritt – wo im Rahmen der Ausstellung hin und wieder auch tatsächlich Getränke offeriert werden. Es ist als ob Egon Friedell oder Alfred Polgar im nächsten Augenblick das Lokal auf einen Drink betreten würden. Man kann in der Schau im Barbican aber auch das berühmte Schattentheater des Pariser Chat Noir nachvollziehen, in einem der beiden nigerianischen Mbari Clubs einer (gefilmten) Tanzvorstellung beiwohnen oder das von Theo van Doesburg gestaltete Ciné-Dancing im Straßburger L’Aubette bewundern.

Rekonstruktion des Schattentheaters des Pariser Chat Noir

Viel mehr noch ist im allgemeinen Dokumentationsbereich der Ausstellung zu finden, zu der es im Begleittext heißt: „Into the Night explores the social and artistic role of cabarets, cafés and clubs in modern art across the world, from New York to Tehran, Paris, Mexico City, London, Berlin, Vienna, Ibadan and beyond. The exhibition proposes an alternative history of the avant-garde by highlighting how these creative spaces offered platforms for artistic experimentation and exchange between artists, architects, designers, writers, dancers and musicians.“

Jules Chéret, Plakate für die Pariser Auftritte von Louϊe Fuller

Ein großes Augenmerk wurde in der Schau auch auf die Bewerbung der einzelnen Etablissements gelegt. Es handelt sich dabei um Material, das sich aufgrund seiner Attraktivität gut für Ausstellungen eignet. Besonders stechen die Plakate von Jules Chéret für die Pariser Auftritte der amerikanischen Avantgarde-Tänzerin Louϊe Fuller hervor, und auch die legendäre Affiche für den Nachtklub Chat Noir von Théophile-Alexandre Steinlen ist im Original zu sehen. Prominent ist in diesem Zusammenhang auch Wien mit den Fledermaus-Plakaten von Fritz Lang und Berthold Löffler vertreten. Marcel Słodki gestaltete 1916 das Eröffnungsplakat für die Geburtsstätte des Dada, für die, wie es auf dem Blatt heißt, „Künstlerkneipe Voltaire“ in Zürich, Vladimir Mayakovsky und Georgii Yakulov entwarfen Plakate für das Café Pittoresque in Moskau und Fortunato Depero sorgte für das grafische Erscheinungsbild des Cabarets del Diavolo in Rom, um nur einige Beispiele zu nennen.

Die Katzen des Chat Noir

Begleitend zur Ausstellung hat die Kuratorin Florence Ostende gemeinsam mit Lotte Johnson eine umfassende Bild-Text-Dokumentation herausgegeben. Wer es nicht bis 19. Januar 2020 schafft, die Schau in London zu besuchen, hat von 14. Februar bis 1. Juni 2020 Gelegenheit, die Ausstellung im Belvedere in Wien zu sehen. Bis dahin wird der Katalog auch auf Deutsch im Prestel Verlag herauskommen.

Weitere Hinweise:
Barbican
Belvedere
Ostende, Florence – Lotte Johnson: Into the Night: Cabarets and Clubs in Modern Art, London 2019.

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